Auch wenige Minuten Krafttraining können etwas bewirken!
Wirkt wie ein Espresso, kostet kaum Zeit: Henning Wackerhage nutzt kurze Krafteinheiten zwischendurch. Warum das für Gesundheit und Fitness mehr bringt, als man denkt, erklärt der Sportbiologe von der TUM.
Es sind stattliche
Hanteln. Und sie stehen hier nicht zur Zierde. Eher zur Beweisführung. Denn
Henning Wackerhage, 59, Sportbiologe an der TU München und ehemaliger
Triathlet, ist eine Art Missionar. Das Krafttraining, so wie es früher zum Teil
gesehen wurde, als Angeber-Sport für Strandprotzer, von seinem Klischee zu
befreien und die frohe Botschaft zu verbreiten: Muskelaufbau ist zwar kein
Allheilmittel, aber kommt ziemlich nah dran.
Herr
Wackerhage, sollte jeder Mensch Krafttraining machen – egal, ob Kind oder
Senior?
Henning Wackerhage: Die kurze
Antwort: Ja.
Und
die lange Antwort?
Wir forschen mit
unserer HyperMet DFG-Forschungsgruppe gerade zu den Gesundheitseffekten von
Krafttraining und einer ausreichenden Muskelmasse. Im Grunde ist es so: Die
Meinung zum Krafttraining hat sich in den letzten Jahren verändert. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt für die Erhaltung und Verbesserung
der Gesundheit heute eine Kombination von Ausdauer- und Krafttraining.
Auch
für Kinder?
Früher dachte man: Kinder können
und dürfen kein Krafttraining machen. Heute zeigt sich: Die können das genauso
machen, natürlich angeleitet und altersgerecht. Und man kann es auch noch im
hohen Alter machen. Schon vor mehr als 30 Jahren zeigte eine Studie mit
Menschen um die 90, dass Krafttraining oder Muskeltraining selbst in diesem
Alter Muskelmasse und Kraft erhöht. Neu ist, dass Krafttraining nicht nur gut
für die Strandfigur in Rimini ist, sondern auch vielfältige Gesundheitseffekte
hat.
Warum?
Wir verstehen immer mehr, wie
wichtig eine ausreichende Muskelmasse für den Menschen ist. Man muss nicht wie
ein Bodybuilder aussehen, aber Krafttraining hilft dem Körper. Konkret zeigen
Studien an Tieren und jetzt auch an Menschen, dass Muskelwachstum Anti-Adipositas
und Anti-Diabetes-Effekte hat.
Was
wurde in den Studien untersucht?
Mäuse wurden mit Fett und Zucker
gefüttert, bis sie kugelrund waren. Bei einigen dieser Tiere wurde dann
zusätzlich ein Gen angeschaltet, das dazu führt, dass die Muskeln wachsen. Bei
den Mäusen mit den größeren Muskeln hat sich im Vergleich zu den Mäusen mit
normalen Muskeln das Fettgewebe halbiert und der Blutzucker normalisiert.
Und
wie erklären Sie sich das?
Eine mögliche
Erklärung ist, dass wachsende Muskeln Zucker nicht nur als Brennstoff, sondern
auch als Baustoff nutzen. Man weiß ja, dass man Zucker zu Fett machen kann, wie
zum Beispiel über Weihnachten (lacht). Aber es gibt Studien
insbesondere an Krebszellen, die zeigen, dass Zucker als Baustoff für die
Produktion von DNA oder Proteinen genutzt wird. Das war bekannt. Was man nicht
wusste, ist, dass das auch in der Muskulatur passiert. Wir konnten dies beispielsweise
mit radioaktiver Glukose in Muskelzellen in Zellkulturen zeigen. Andere Studien
fanden, dass die Stimulation von Muskelwachstum durch Myostatin ähnliche
Anti-Diabetes und Anti-Adipositas-Effekte hatte.
Was
macht Myostatin?
Myostatin ist Myokin, also eine
Art Muskelhormon, das das Muskelwachstum bremst. Wenn man wiederum Myostatin
blockiert, erhöht sich die Muskelmasse. Man konnte einen Antikörper entwickeln,
der sich an den Myostatin-Rezeptor in den Muskeln setzt und verhindert, dass
sich Myostatin anheftet und das Muskelwachstum bremst. Diese Antikörper hat man
dann bei adipösen Diabetikern eingesetzt. Das Ergebnis: Die Muskelmasse stieg
leicht an, vor allem aber ging das Fettgewebe um über sieben Kilo zurück,
obwohl die Probanden keinen Extra-Sport gemacht haben. Dazu haben wir zwei
Hypothesen.
Die
wären?
Die eine ist die
Running-Sushi-Hypothese. Der Blutkreislauf ist wie ein Laufband in einer
Running-Sushi-Bar, auf dem Speisen stehen. Ein wachsender Muskel ist wie ein
hungriger Kunde, der so viele Speisen von dem Laufband runternimmt, dass für
die anderen Kunden, also zum Beispiel Fettgewebe, weniger übrig bleibt. Diese
Hypothese testen wir nun mit Experimenten.
Und die zweite Hypothese?
Dass wachsende Muskeln ein Myokin
ausschütten, das dem Fettgewebe sagt: Du wächst jetzt bitte nicht mehr, nimmst
weniger auf. Denn ich brauche die meisten Baustoffe selbst.
Hat
Krafttraining und Muskelaufbau auch einen Effekt auf die Knochen?
Ja, die bleiben dadurch gesünder.
Gerade für Frauen ist das ein wichtiger Aspekt. Besonders um die Menopause
steigt das Osteoporose-Risiko an. Den Knochen kann man genauso trainieren wie
die Muskulatur. Durch mechanische Belastung steigt die Knochendichte. Beim
Krafttraining wächst der Knochen also genauso wie der Muskel. Wir haben daher
am TUM-Campus eine Osteoporosegruppe, die Krafttraining macht.
Zur
Fettverbrennung wird gerne moderater Ausdauersport empfohlen, ruhige Läufe zum
Beispiel.
Schon. Aber bei einer trainierten
Person verbrennt der Körper da nur ein Gramm Fett pro Minute. Man müsste also
17 Stunden joggen, um ein Kilo Fett zu verbrennen. Sport ist zum Abnehmen also
nur begrenzt geeignet, weil man je nach Sport auch Muskulatur aufbaut.
Fettverbrennung und eine Gewichtsabnahme erreicht man am ehesten über weniger
Essen. Mit Gewohnheiten und Disziplin den Appetit zügeln.
Nun
gibt es die Abnehmspritze. Wie beurteilen Sie die?
Das ist schon ein
Wundermedikament. Dadurch, dass das Hormon GLP-1, das dafür sorgt, dass man
keinen Hunger hat, normalerweise im Körper schnell abgebaut wird, kommt eben
der Hunger. Die an ein paar Aminosäuren modifizierte Version dieses Hormons,
die in der Abnehmspritze enthalten ist, bleibt aber nun länger im Körper und
reduziert den Appetit dauerhaft. Es gibt mittlerweile auch eine Studie zum
Longevity-Effekt der Spritze.
Also,
dass der Organismus jünger wird.
Genau. Aber es hat sich gezeigt,
dass der Gewichtsverlust durch diese Spritzen zu zwei Drittel Fettgewebe
betrifft, zu einem Drittel aber auch Muskulatur. Es werden also Muskeln
abgebaut. Und darüber wird jetzt heiß diskutiert.
Warum?
Wenn man mit der Abnehmspritze 15
Kilogramm verliert, dann verliert man ungefähr auch fünf Kilo Muskulatur. Dies
ist übrigens bei den meisten Abnehmdiäten der Fall. Das ist mit Anfang 20 nicht
so ein Problem, aber mit 60? Hinzu kommt: Wenn man die Spritze absetzt und der
Appetit zurückkommt, baut man schnell wieder vor allem Fett auf.
Wenn
Sie von Krafttraining sprechen, wie sollte das denn konkret aussehen?
Zweimal pro Woche Krafttraining
sind für Erwachsene ein guter Start. Schon Schulkinder können damit anfangen.
Zur Erinnerung: Laut WHO ist das moderne Gesundheitstraining eine Kombination
von Ausdauer- und Krafttraining. Also bei Kindern Übungen, die Spaß machen,
auch schon mal mit Hanteln, natürlich immer unter guter Aufsicht. Damit man
sich später daran erinnert, wenn die ersten Gesundheitsprobleme auftauchen oder
wenn man sein eigenes Bild im Spiegel nicht mehr gerne sieht. Die heutige
Generation der Senioren hat zu einem ganz großen Teil nie Krafttraining
gemacht. Das ist auch Teil des Problems, denn dann traut man sich das unter
Umständen gar nicht mehr zu. Als junger Erwachsener sollte man darauf achten,
den Körper mindestens zu erhalten. Und ab 40, dem Middle Age, wo der Körper
abbaut und der Blutdruck hochgehen kann, da kann das individuell richtige
Training helfen, dass das Krankheitsrisiko sinkt und man fitter aussieht.
Welches
Training genau?
Kein Quältraining, sondern ein
Training wie in den WHO-Empfehlungen. Ein Tipp ist, dass man eine sich eine
sportogene Umgebung schafft. Damit meine ich eine Umgebung, die dazu anregt,
aktiv zu sein und den Sport einfach macht. So habe ich etwa hier in meinem Büro
einen Stehtisch und zwei 12-kg-Hanteln, die ich immer mal wieder für eine ganz
kurze kleine Übung benutze. Auch wenige Minuten Krafttraining können etwas
bewirken. Mich macht so eine kurze Trainingseinheit oft genauso wach wie ein
Espresso. Ideal ist, sich einfache Gelegenheiten zu schaffen, um zu trainieren,
angefangen beim Treppensteigen. Wir nennen das neudeutsch „Exercise Snacks“.
Aber
schon auch Fitnessstudio? Davon scheint es ja immer noch mehr zu geben.
Absolut. Da gibt es Anleitung und
Gesellschaft, das kann man unbedingt nutzen. Die gesellschaftliche Tendenz der
Jungen, sich social-media-tauglich in Form zu bringen, hat zur heutigen
Verbreitung sicher beigetragen. Diesen Vorteil können aber natürlich alle
nutzen. Wenn man Krafttraining macht, wächst der Muskel danach zwei Tage lang.
Also wächst er mit zwei bis drei Einheiten die Woche zumindest in der
Anfangsphase fast permanent.
Also
einfach auch mit Ende 70 im Fitnessstudio um die Ecke anmelden.
Genau. Viele haben da noch
Berührungsängste und fürchten, dass man lauter Bodybuilder sieht, wenn man die
Tür aufmacht. Dabei ist das aber gar nicht mehr der Fall. Viele Studios sind
heute längst Gesundheitsstudios. Da trainieren Studentinnen und Studenten neben
Rentnerinnen und Rentnern. Ich kann nur empfehlen: einfach reingehen und sich
das mal ansehen. Gerade bei Frauen ändert sich die Fitnesskultur und
Wahrnehmung.
Wie
meinen Sie das?
Starke Frauen, mit ausgeprägter
Muskulatur, das entsprach früher nicht dem Schönheitsideal. Da wurden Frauen
rosa Minihanteln verkauft, während Männer schwere Gewichte stemmen sollten. Ist
natürlich Unsinn. Als ich während meiner Promotion im Fitnessstudio gearbeitet
habe, haben viele Frauen gesagt: bitte kein Muskelwachstum! Muskelwachstum war
früher für Frauen nicht wünschenswert. Das hat sich verändert in Deutschland.
Heute ist es attraktiv, in jeder Hinsicht als starke Frau aufzutreten. Wenn man
nach Skandinavien schaut, ist der körperliche Aspekt noch stärker zu sehen: Ich
war einmal vor einigen Jahren an unserer Partner-Universität in Jyväskylä in
Finnland. Da haben die Frauen genauso selbstverständlich mit schweren Gewichten
trainiert wie Männer.
Wie
viel Muskelmasse ist denn gesund?
Das ist eine gute
Frage. Es geht nicht darum, möglichst große Muskeln zu haben. Entscheidend ist,
im Alter genügend Muskelmasse, Kraft und Schnelligkeit zu behalten. Unsere
Muskeln sind nicht nur für Bewegung, Sturzvermeidung und unabhängiges Leben
wichtig, sondern auch für einen gesunden Stoffwechsel. Krafttraining ist
deshalb eine der besten Investitionen in ein gesundes Altern.

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