Mehrere Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen haben mehrere 100 Millionen Euro an Beitragszahlungen bei riskanten Investments verzockt
Der Skandal um verspekulierte
Beitragsgelder bei Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen nimmt
dramatisch größere Ausmaße an. Bislang war bekannt, dass drei Kassen sowie drei
Kassenärztliche Vereinigungen investiert hatten und einige von ihnen gegen die beteiligten
Banken und Fondsanbieter klagen, weil sie sich „vorsätzlich getäuscht“ fühlen.
Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR zeigen nun jedoch: Der Skandal
ist offenbar deutlich umfangreicher als bisher angenommen. Demnach legten 28
Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen über ein spezielles
Finanzprodukt mehr als 500 Millionen Euro an Beitragsgeldern in zwei
Immobilienfonds an. Als die Fonds später in wirtschaftliche Schwierigkeiten
gerieten, dürfte ein Großteil des investierten Beitragsgeldes verloren gegangen
sein. Ein Anwalt spricht in einem Schreiben davon, dass 96 Prozent der Summen
sich wohl „in Luft aufgelöst“ hätten.
Süddeutsche
Zeitung, NDR und WDR konnten insgesamt 17 Krankenkassen und Kassenärztliche
Vereinigungen ausmachen, die Geld in die Fonds gesteckt hatten. Zu den
betroffenen Einrichtungen gehören den Recherchen zufolge die KKH (47,4
Millionen Euro), Pronova BKK (10 Millionen) und BKK Gildemeister Seidensticker
(7,9 Millionen) sowie die Novitas BKK, die MKK Meine Krankenkasse (je fünf
Millionen) und die IKK Südwest mit zwei Millionen Euro. Auch die AOK Bremen,
die Bahn BKK, die BKK Pfalz, die Siemens BKK und die Viactiv Krankenkassen
haben Geld verloren. Auf Nachfrage wollten sie jedoch keine genaue Summe nennen,
die sie investiert oder verloren haben. Bei den Kassenärztlichen Vereinigungen haben
nach den Recherchen die KV Baden-Württemberg (50 Millionen), Hessen (30
Millionen) und Schleswig-Holstein (16 Millionen) Mittel in die Fonds eingebracht.
Ebenfalls beteiligt waren die KV Berlin, KV Bremen und KV Westfalen-Lippe, die zur
Höhe der Summe aber keine Angaben machen wollten.
Zusammen belaufen
sich die Investments dieser 17 Institutionen auf mindestens 170 Millionen Euro
an Beitragsgeldern. Insgesamt dürfte der Betrag allerdings noch deutlich höher sein,
auch weil viele Einrichtungen die genaue Höhe ihrer Anlagen nicht offenlegen
wollten. Insider berichten, dass Krankenkassen und Kassenärztliche
Vereinigungen wohl mehr als 500 Millionen Euro in diese Immobilienfonds
investiert und zu großen Teilen verloren haben.
Pensionskassen,
Zahnärzte, Krankenkassen: Sie alle haben die Gelder der Mitglieder verzockt
Die verzockten
Millionen der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen reihen sich ein
in weitere Investmentskandale, die in den vergangenen Monaten ans Licht
gekommen sind. Besonders pikant war zum Beispiel, dass die Bayerische
Versorgungskammer (BVK) mit Immobilien-Investments in den USA
fast 700 Millionen verloren hat. Die Versorgungskammer ist für die Rente
von mehreren freien Berufen wie Schornsteinfegern und Anwälten
verantwortlich, diese sind laut BVK davon aber nicht betroffen. Zurzeit laufen
diverse Rechtsstreitigkeiten. Deutlich schlimmer noch traf es die Berliner
Zahnärzte. Deren Versorgungswerk hatte mehr als eine Milliarde Euro bei
hochriskanten Investments verloren. Dazu gehörten Beteiligungen in Immobilien,
aber auch an einer Garnelenfarm, an Luxushotels, einer Recyclinganlage in den
USA und Start-ups. Insgesamt verloren die Zahnärzte offenbar so die Hälfte des
angelegten Vermögens.
Der Fall der
Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen ist gerade deshalb gravierend,
weil beide strengen Auflagen unterliegen, wenn es um das Geld der
Beitragszahler geht. Im Sozialgesetzbuch IV ist etwa geregelt, dass eine
Krankenkasse ihr Geld so anlegen muss, dass ein Verlust ausgeschlossen
erscheint, ein angemessener Ertrag erzielt wird und ausreichende Liquidität
gewährleistet ist. Das heißt im Klartext: Das Geld muss so konservativ und
risikoarm wie nur eben möglich angelegt sein – auch wenn die Rendite dann nicht
so groß ist. Doch genau das scheint in diesem Fall nicht passiert zu sein.
Warum?
„Definitiv
nicht geeignet“: Experte hält Investments in diesem Fall für zu risikoreich
Viele
Krankenkassen in Deutschland nehmen bewusst Abstand von solchen Deals. Eine
Sprecherin der AOK Plus beispielsweise schreibt, man habe „solch zweifelhafte
Anleihe- oder Schuldschein-Konstruktionen“ bisher nicht erworben und werde es
auch in Zukunft nicht tun. Die Techniker Krankenkasse sagt, man tätige
„aufgrund der erhöhten Risikostruktur grundsätzlich keine Investments zu
Projektfinanzierungen im Immobilienbereich“.
Auch Stefan
Loipfinger, Gründer des Portals Investmentcheck und Experte für
Anlageentscheidung, hält solche Investments für „definitiv nicht geeignet“ für
Kassen und KV. „Wenn man will, dass kein Verlust entsteht, darf man in solche
Produkte auch nicht investieren“, sagt Loipfinger. Und wenn man in der
Niedrigzinsphase bei Renditen von teilweise mehr als fünf Prozent gelegen habe,
dann sei das eben auch mit Risiken verbunden. „Sonst ginge es gar nicht, dass
man so eine Rendite erzielen kann.“
Die
Krankenkassen gehen in die Offensive – und klagen
Die Investoren,
die nun auf ihren Verlusten sitzen geblieben sind, sehen das alles ganz anders
– und verorten die Schuld bei anderen. Die KKH, die Pronova BKK, die BKK
Gildemeister Seidensticker und die Kassenärztliche Vereinigung Hessen sowie die
KV Baden-Württemberg haben alle Klage beim Landgericht Frankfurt eingereicht.
Die Klageschriften, die SZ, NDR und WDR vorliegen, sind sich sehr ähnlich. In
allen argumentiert Anwalt Olaf Gärtner, dass die Institutionen vorsätzlich
getäuscht worden seien. In persönlichen Treffen und diversen Telefonkonferenzen
sei versichert worden, dass die Anlagen sicher seien und auch den
Anlage-Vorschriften des Sozialgesetzbuches entsprächen. Tenor der Klage: Die
Finanzinstitute waren nicht ehrlich und haben uns in ein riskantes Investment
gedrängt.
Die Privatbank
Hauck & Aufhäuser, gegen die sich die Klage unter anderem richtet, weist
den Vorwurf der Täuschung zurück. Zwar kann oder will man sich nicht zu
Einzelfällen äußern. Allgemein betont die Bank aber, „dass Investitionen in
Produkte (...) nur auf der Grundlage von Prospekt- bzw. Vertragsunterlagen
möglich sind, mit denen die Investoren im Vorfeld ihrer Anlagen umfassend über
deren Charakter, die hiermit verbundenen Risiken und die eigenständigen
Prüfpflichten aufgeklärt“ worden seien. Im Klartext: Wer die Unterlagen vernünftig
liest, der sieht auch, welche Risiken sich in den Fonds befinden. Die
Verius Capital AG antwortet auf Anfrage nicht.
Die Klage gegen
die Finanzinstitute ist aber nicht der einzige Versuch, das verlorene Geld
wiederzuerlangen. Die KV Westfalen-Lippe (KVWL) beispielsweise hat ihren
damaligen Finanzvorstand vor die Tür gesetzt und verklagt ihn zurzeit auf 17
Millionen Euro an Schadenersatz. Nach Auskunft des Landgerichts Dortmund
argumentiert sie, dass der Finanzvorstand sich damals nicht an interne
Anlagerichtlinien gehalten habe. Der Anwalt des Vorstands antwortete auf
mehrere Anfragen zu diesen Vorwürfen nicht. Auch die KVWL will nichts zu dem
Fall sagen.
Der Schaden in
diesem Fall ist aber nicht nur finanzieller Natur. Für die Haushaltspolitikerin
und Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta (Grüne) „untergräbt der Fall das
Vertrauen“ in die Kassen und ihre Fähigkeiten, mit Geld umzugehen. Gerade mit
Blick auf die enormen Einsparungen, die derzeit im Gesundheitssystem nötig
sind, fehlt ihr das Verständnis dafür, dass nun offenbar Hunderte Millionen
Euro verspekuliert wurden. Immerhin gehe es hier ja um Versichertengelder und
damit um Gelder von vielen Bürgerinnen und Bürgern.

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