Laktat-Gels: Neues Superfuel oder nur Hype?

 

Exogenes Laktat sorgt bei der Tour de France für Aufsehen. Mehrere WorldTour-Teams sollen Laktat-Gels testen. Was steckt hinter der neuen Technologie und wie viel Potenzial haben solche Gels?

Die Tour de France galt schon immer als Experimentierfeld für sportwissenschaftliche Neuerungen. Ob Powermeter, Höhenzelte oder Strategien zur Kohlenhydrataufnahme: Was im Peloton erprobt wird, schafft es häufig einige Jahre später auch in den Amateurbereich. Aktuell rückt eine neue Entwicklung in den Fokus: exogenes Laktat, das unter anderem als ExoLactate-Gel vermarktet wird. Medienberichten zufolge testen bereits mehrere WorldTour-Teams diese Technologie unter Rennbedingungen. Auch Spekulationen, wonach Tadej Pogačar und weitere Spitzenfahrer entsprechende Produkte verwenden, kamen auf. Der Ernährungspartner des UAE Teams stellte jedoch klar, dass Pogačar auf der 6. Etappe Prototypen eigener Gels zu sich genommen habe. Diese ähnelten optisch den neuen Laktat-Gels stark. Offizielle Bestätigungen der Teams zu dieser neuartigen Entwicklung gibt es bislang nicht.

Vom Feind zum Treibstoff

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Laktat als der große Gegner des Ausdauersportlers. Es wurde für Muskelbrennen, Ermüdung und Leistungseinbrüche verantwortlich gemacht. Heute weiß man, dass dieses Bild falsch war.

Laktat ist kein Abfallprodukt, sondern ein zentraler Energieträger. Der Körper produziert während intensiver Belastung kontinuierlich Laktat und nutzt es gleichzeitig wieder. Herz, Gehirn und oxidative Muskelfasern können Laktat direkt zur Energiegewinnung verwenden. Diese Erkenntnisse gehen unter anderem auf die Arbeiten des US-Physiologen George Brooks und sein Konzept des „Lactate Shuttle“ zurück.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wenn der Körper sein eigenes Laktat so effizient nutzt, könnte zusätzlich zugeführtes Laktat während eines Rennens, gar während der Tour de France, die Leistungsfähigkeit weiter verbessern? Genau auf dieser Idee basiert ExoLactate.

Was steckt hinter ExoLactate?

Entwickelt wurde das Produkt vom spanischen Physiologen Aitor Viribay gemeinsam mit Forschern und Ernährungsspezialisten aus dem Umfeld des Hochleistungssports. Das Ziel bestand darin, ein langjähriges Problem zu lösen: Laktat in einer Form verfügbar zu machen, die Athleten während eines Rennens überhaupt aufnehmen können. Frühere Versuche galten als geschmacklich problematisch und praktisch kaum einsetzbar.

Nach Angaben der Entwickler enthält ein Gel etwa:

rund 40 g Kohlenhydrate

zusätzlich etwa 5 g Laktat

Die Idee dahinter ist nicht, Kohlenhydrate zu ersetzen, sondern die vorhandene Ernährungsstrategie zu erweitern. Das zusätzliche Laktat soll als weiterer Energieträger dienen und möglicherweise dabei helfen, die Glykogenspeicher zu schonen.

Warum ist das gerade für Radfahrer interessant?

Der moderne Profiradsport wird zunehmend durch die Fähigkeit entschieden, enorme Leistungen über viele Stunden aufrechtzuerhalten. Fahrer konsumieren, besonders bei der Tour de France, heute enorme Mengen an Kohlenhydraten pro Stunde. Dennoch bleibt die Glykogenverfügbarkeit ein limitierender Faktor. Theoretisch könnte exogenes Laktat mehrere Vorteile bieten:

·        Zusätzliche Energiequelle neben Glukose und Fruktose

·        geringere Abhängigkeit von Muskelglykogen

·        effizientere Versorgung des Systems

·        möglicherweise geringere subjektive Belastungswahrnehmung

Diese Mechanismen sind physiologisch plausibel und passen zu unserem heutigen Verständnis des Laktatstoffwechsels. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob daraus tatsächlich ein messbarer Leistungsvorteil entsteht.

Was sagt die Wissenschaft?

Hier wird die Lage deutlich weniger spektakulär als viele Medienberichte vermuten lassen. Ein Großteil der veröffentlichten Forschung stammt bislang aus Tierstudien. Für den Profiradsport sind jedoch Humanstudien entscheidend.

Die bisher verfügbaren Untersuchungen beim Menschen liefern ein gemischtes Bild. In einer Pilotstudie wurden keine Verbesserungen von VO₂max, Laktatschwelle oder ventilatorischer Schwelle festgestellt. Lediglich die Leistung in einem 20-minütigen Zeitfahren stieg leicht an. Andere Untersuchungen mit trainierten Radfahrern fanden überhaupt keinen signifikanten Leistungsvorteil. Mit anderen Worten: Die Theorie ist stark, die Leistungsdaten sind bisher noch schwach.

Revolution oder Marketing?

Aus heutiger Sicht erinnert ExoLactate an die Einführung von Ketonen vor einigen Jahren. Damals war die physiologische Theorie überzeugend: ein zusätzlicher Energieträger, bessere Stoffwechseleffizienz, potenzielle Leistungssteigerung. Die tatsächlichen Leistungsgewinne im Feld fielen später deutlich kleiner aus als ursprünglich erhofft.

Exogenes Laktat könnte tatsächlich einen Nutzen haben. Die zugrunde liegende Physiologie wirkt plausibel, und die Rolle von Laktat als Energieträger ist wissenschaftlich gut abgesichert. Was jedoch noch fehlt, sind unabhängige, hochwertige Studien mit Profiradsportlern unter realen Wettkampfbedingungen.

Fazit

Exogenes Laktat ist derzeit eines der spannendsten Themen der Sporternährung. Dass Laktat ein wichtiger Energieträger ist, steht außer Frage. Ob ein Laktat-Gel jedoch tatsächlich die Leistung eines Tour-de-France-Fahrers messbar verbessert, ist wissenschaftlich noch nicht bewiesen. Die Hinweise aus dem Profipeloton lassen vermuten, dass mehrere Teams das Konzept ernst nehmen und offenbar testen. Doch bis belastbare Studien vorliegen, bleibt ExoLactate vor allem eines: Eine faszinierende Hypothese mit großem Potenzial, aber noch kein nachgewiesener Game Changer.

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