Forscher entdecken im Blut, warum manche Menschen 100 werden
Forscher entdecken im Blut, warum manche Menschen 100 werden
- Im Blut von Hundertjährigen
finden Forscher 37 Proteine, deren Aktivität eher dem Muster jüngerer
Menschen entspricht – ein mögliches biologisches Kennzeichen
außergewöhnlicher Langlebigkeit.
- Die Analyse von 134 Personen
zeigt: Bei den untersuchten Menschen über 100 bleiben wichtige Systeme wie
Zellschutz, Stoffwechsel und Entzündungsregulation länger stabil als bei
den 80-jährigen Vergleichspersonen.
- Laut Studie hängt gesundes
Altern nicht nur von Genen ab: Lebensstil, Bewegung und Ernährung
beeinflussen zentrale Schutzmechanismen des Körpers.
Menschen,
die über 100 Jahre alt werden und dabei vergleichsweise gesund bleiben, liefern
wichtige Erkenntnisse darüber, wie der Körper altert. Ein Forschungsteam um
Karl-Heinz Krause von der Universität Genf und Daniela Jopp von der Universität
Lausanne hat nun herausgefunden: Einige Proteine verhalten sich bei
Hundertjährigen anders als bei Menschen in ihren Achtzigern.
Derartige
Merkmale im Blut von Hundertjährigen könnten erklären, warum wichtige
Schutzsysteme im Körper deutlich länger stabil bleiben. Die Ergebnisse
veröffentlichte das Team im Fachjournal „Aging
Cell“.
Blutproben
auf 700 Proteine untersucht
Die
Untersuchung gehört zum Forschungsprojekt SWISS100, einer großen Schweizer
Initiative zur Erforschung von Menschen über 100 Jahren. Insgesamt
werteten die Wissenschaftler Blutproben von 134 Teilnehmern aus, um zu
verstehen, welche biologischen Unterschiede zwischen normalem Altern und
extremer Langlebigkeit bestehen.
Die Studie
umfasste drei Altersgruppen:
- 39 Hundertjährige, im Schnitt
101 Jahre alt
- 55 Menschen um die 86 Jahre als
Vergleichsgruppe
- 40 gesunde Erwachsene zwischen
30 und 60 Jahren
Alle Proben
entstanden zwischen 2022 und 2023. Anschließend untersuchte das Team das
Blutserum auf mehr als 700 Proteine. Besonders wichtig waren Moleküle aus zwei
biologischen Bereichen:
- Entzündungsprozesse des
Immunsystems
- Herz- und Stoffwechselregulation
Diese
Systeme bestimmen maßgeblich, wie gesund ein Mensch altert.
Hundertjährige
hatten 37 junge Proteinprofile
Bei Menschen
über 100 Jahren tauchen im Blut mehrere Eiweiße auf, die sonst eher bei
jüngeren Erwachsenen vorkommen. „Bei unseren Hundertjährigen sind die Profile
dieser 37 Proteine näher an denen der jüngsten Gruppe als an denen der
Achtzigjährigen“, sagt Studienautor Flavien Delhaes.
Diese
Proteine steuern viele zentrale Abläufe im Körper. Sie beeinflussen
Entzündungen, regulieren den Stoffwechsel und helfen Zellen, mit Belastungen
umzugehen. Bleiben solche Moleküle stabil, könnte das erklären, warum einige
Menschen außergewöhnlich alt werden und dennoch relativ gesund bleiben.
Proteine
regulierten Immunsystem und Energiestoffwechsel
Unter den
vielen untersuchten Eiweißen machte die Gruppe der 37 Proteine etwa fünf
Prozent der gemessenen Moleküle aus. Der Körper altert weiterhin – doch
einige Schlüsselprozesse verändern sich deutlich langsamer.
Die
betroffenen Proteine stehen mit mehreren wichtigen Funktionen im Zusammenhang:
- Regulation des Immunsystems
- Schutz der Zellen vor oxidativem
Stress
- Energie- und Zuckerstoffwechsel
- Stabilität des Bindegewebes
- Signalübertragung im
Nervensystem
Solche
Prozesse beeinflussen direkt Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden
oder neurodegenerative Krankheiten.
Hundertjährige
haben niedrigere Werte für oxidativen Stress“
Ein
besonders auffälliger Unterschied zeigte sich beim sogenannten oxidativen
Stress. Dabei entstehen im Körper aggressive Moleküle, sogenannte freie
Radikale. Sie können Zellstrukturen angreifen und Alterungsprozesse
beschleunigen.
Bei
Hundertjährigen fanden die Forscher deutlich niedrigere Werte dieser
Stressmarker als bei der Vergleichsgruppe der Achtzigjährigen. Das wirkt
zunächst widersprüchlich. Weniger Schutzproteine könnten eigentlich ein
Nachteil sein. In diesem Fall deutet es jedoch darauf hin, dass im Körper
weniger schädliche Radikale entstehen.
„Hundertjährige
haben deutlich niedrigere Werte für oxidativen Stress. Deshalb müssen sie
weniger antioxidative Proteine bilden, um sich zu schützen“, erklärt Krause.
Stabiler
Stoffwechsel
Neben dem
Zellstress entdeckten die Wissenschaftler Unterschiede im Stoffwechsel. Einige
Proteine, die Fett- und Zuckerprozesse steuern, steigen im Alter normalerweise
stark an. Bei den untersuchten Hundertjährigen geschah dies deutlich langsamer.
Ein Beispiel
ist das Enzym DPP-4. Es baut das Hormon GLP-1 ab, das die Insulinproduktion
beeinflusst. Dieses Hormon spielt auch bei modernen Medikamenten gegen Diabetes
eine wichtige Rolle. „DPP-4 hilft, relativ niedrige Insulinspiegel
aufrechtzuerhalten. Das könnte vor Hyperinsulinismus und metabolischem Syndrom
schützen“, so Delhaes. Der Stoffwechsel dieser Menschen bleibt dadurch stabil
reguliert. Er arbeitet effizient, ohne ständig große Mengen Insulin
auszuschütten.
Gutes
Bindegewebe, niedrigere Entzündungswerte
Weitere
Unterschiede betreffen das Bindegewebe, die sogenannte extrazelluläre Matrix.
Sie wirkt wie ein Gerüst für Zellen und Gewebe im Körper. Mehrere Proteine
dieses Systems bleiben bei Hundertjährigen in einem Zustand, der eher jüngeren
Menschen entspricht. Dadurch könnten Organe länger funktionsfähig bleiben.
Auch einige
Entzündungsmarker liegen niedriger. Dazu gehört unter anderem Interleukin-1
alpha, ein wichtiges Signalprotein des Immunsystems.
Chronische
Entzündungen gelten als ein wichtiger Faktor vieler Alterskrankheiten. Ein
stabileres Immunsystem könnte daher eine wichtige Rolle für außergewöhnliche
Langlebigkeit spielen.
Lebensstil
beeinflusst Altern mehr als Gene
Die
genetische Ausstattung spielt beim Altern eine Rolle. Ihr Einfluss ist jedoch
begrenzt. Nach Einschätzung der Forscher erklären Gene etwa 25 Prozent der
Langlebigkeit. Der größere Anteil hängt mit Lebensstil und Umwelt zusammen. Die
Autoren der Studie nennen mehrere Faktoren, die im Alltag eine Rolle spielen:
- regelmäßige körperliche
Aktivität
- ausgewogene Ernährung
- stabile soziale Kontakte
Schon kleine
Gewohnheiten können messbare Effekte haben. Beispielsweise kann ein Stück Obst
am Morgen helfen, oxidativen Stress im Blut im Laufe des Tages zu senken.

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