Die Gen Z altert biologisch schneller als die Nachkriegsgeneration
Krebs gilt noch immer als Krankheit des Alters. Doch weltweit erkranken immer mehr Menschen bereits vor dem 55. Lebensjahr. Forscher richten ihren Blick auf einen bislang wenig beachteten Faktor, der Hinweise auf das persönliche Krebsrisiko liefert.
Wer mit
Anfang 40 eine Krebsdiagnose bekommt, möchte Antworten. Hat man etwas falsch
gemacht? Waren es zu viele Zigaretten, zu wenig Schlaf, die falsche Ernährung
oder doch die Gene? Der Wunsch nach einer Erklärung ist ebenso menschlich wie
quälend.
Forscher
der Washington University School of Medicine in St. Louis stellen die Frage
anders: nicht, warum es den Einzelnen trifft, sondern warum es immer mehr
Jüngere trifft. Zwischen 1990 und 2019 stiegen Krebsdiagnosen bei unter
50-Jährigen weltweit um 24 Prozent.
Für ihre
Untersuchung analysierten die Forscher Daten von mehr als 154.000 Teilnehmern
der britischen UK Biobank, die zu Studienbeginn jünger als 55 Jahre waren,
sowie einer unabhängigen US-amerikanischen Gesundheitsdatenbank. Zusätzlich
überprüften sie ihre Ergebnisse in der US-Kohorte „All of Us“ mit mehr als
10.000 Teilnehmern. Statt auf einzelne Risikofaktoren wie Ernährung, Rauchen
oder Übergewicht konzentrierten sie sich auf eine übergeordnete Größe: das
biologische Alter. Also darauf, wie stark der Körper bereits von
Alterungsprozessen gezeichnet ist.
Zwei
Menschen können 45 Jahre alt sein, der eine gleicht biologisch eher einem
35-Jährigen, der andere hat den Körper eines 60-Jährigen. Um diesen Unterschied
zu messen, nutzten die Wissenschaftler einen etablierten Biomarker namens
„PhenoAge“. Dieser berechnet anhand verschiedener Blutwerte, darunter
Entzündungsmarker, Blutzucker- und Nierenwerte, wie alt ein Organismus
biologisch ist. Die Differenz zwischen biologischem und tatsächlichem Alter
ergibt den „Age Gap“.
Die
Ergebnisse, die im Fachmagazin
„Nature Medicine“ erschienen sind, zeigen einen auffälligen
Generationeneffekt. Menschen, die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, waren
biologisch älter als Menschen früherer Jahrgänge. Im Vergleich zu den zwischen
1950 und 1954 Geborenen lag ihr biologisches Alter im Durchschnitt um 23
Prozent höher.
Und der
Trend setzt sich in den Generationen fort: Menschen, die in den Neunzigern
geboren wurden, hatten sogar ein um 92 Prozent erhöhtes biologisches Alter im
Vergleich zu den Geburtenjahrgängen von 1965 bis 1969.
Noch
interessanter wurde es beim Blick auf das Krebsrisiko. Teilnehmer mit einem
höheren biologischen Alter entwickelten häufiger Krebs vor dem 55. Lebensjahr.
Die Forscher teilten die Teilnehmer dafür in drei gleich große Gruppen ein –
von biologisch jüngsten bis biologisch ältesten. Das biologisch älteste Drittel
hatte ein um 15 Prozent höheres Risiko für frühe solide Tumoren als das jüngste
Drittel.
Die Forscher
überprüften zudem, ob genetische Faktoren die Ergebnisse erklären könnten. Doch
selbst nachdem bekannte Krebs- und Alterungsrisiken berücksichtigt wurden,
blieb der Zusammenhang bestehen. Das biologische Alter könnte damit
Informationen erfassen, die über klassische genetische Risikomodelle
hinausgehen.
Blick auf
die Organe
Im zweiten
Teil der Studie richteten die Forscher ihren Blick auf einzelne Organe. Dazu
analysierten sie mithilfe sogenannter Proteomanalysen Tausende Eiweiße im Blut,
die Rückschlüsse auf das biologische Alter verschiedener Gewebe geben. Dabei
zeigte sich: Menschen mit einem biologisch älteren Immunsystem erkrankten
häufiger an Lungenkrebs, während ein biologisch gealtertes Fettgewebe mit einem
höheren Darmkrebsrisiko verbunden war. Verschiedene Krebsarten könnten also mit
unterschiedlichen Alterungsprozessen in einzelnen Organen und Geweben
zusammenhängen.
Warum genau
jüngere Generationen biologisch schneller altern, kann die Studie nicht
beantworten. Die Autoren verweisen jedoch auf Entwicklungen, die in den
vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben: Übergewicht in jungen Jahren,
Bewegungsmangel, schlechtere Ernährungsgewohnheiten, chronischer Stress,
Schlafstörungen sowie Umweltbelastungen könnten den Alterungsprozess bereits
früh im Leben beschleunigen.
Für die
Krebsprävention ist die Studie dennoch interessant. Wenn sich biologische
Alterung künftig zuverlässig messen lässt, könnten Ärzte Menschen mit besonders
hohem Krebsrisiko früher erkennen. Prävention könnte sich so nicht mehr nur an
Alter, Familiengeschichte oder Lebensstil orientieren, sondern an den
tatsächlichen biologischen Veränderungen im Körper.
Bis dahin
braucht es weitere Untersuchungen, denn die Studie zeigt vor allem
Zusammenhänge, keinen direkten Ursache-Wirkungs-Nachweis. Außerdem erfassten
die Forscher die Biomarker für das biologische Alter nur zu einem Zeitpunkt.
Ob die
schnellere Alterung dem Krebs tatsächlich vorausging oder beides von anderen
Faktoren beeinflusst wurde, lässt sich daraus nicht sicher ableiten. Dennoch
liefern die Ergebnisse einen wichtigen Hinweis darauf, dass die zunehmende Zahl
von Krebsfällen bei jüngeren Erwachsenen möglicherweise nicht nur ein Problem
einzelner Risikofaktoren ist.
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