Die 10 häufigsten Fehler bei der Verordnung von SGLT2-Hemmern und GLP-1-Medikamente
SGLT2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten haben die Behandlung von Patienten mit Typ-2-Diabetes grundlegend verändert. Ihr Einsatz beschränkt sich jedoch längst nicht mehr auf die Blutzuckerkontrolle: Die modernen Wirkstoffe schützen nachweislich Herz und Nieren. Sie kommen inzwischen auch bei Herzinsuffizienz sowie chronischer Nierenerkrankung zum Einsatz. Auch bei Adipositas haben sich GLP-1-RA bewährt.
Im
klinischen Alltag zeigen sich jedoch immer wieder Fehler, die Therapien
gefährden oder Patienten unnötigen Risiken aussetzen
Die Top
10 der Irrtümer:
1. Bei
SGLT2-Hemmern und GLP-1-RA nur an den HbA1c-Wert denken
Falsch wäre,
diese Medikamente ausschließlich als blutzuckersenkende Therapien einzusetzen.
Tatsächlich empfehlen aktuelle Leitlinien SGLT2-Hemmer bei chronischer
Nierenerkrankung und Herzinsuffizienz inzwischen unabhängig vom HbA1c-Wert –
sogar bei Patienten ohne Diabetes.
Auch
GLP-1-RA wie Semaglutid können das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse
senken und zusätzlich Herz und Nieren schützen. Im Mittelpunkt sollte daher
nicht allein die Kontrolle des Blutzuckers stehen, sondern vor allem der
organprotektive Nutzen dieser Therapien.
2. Den
anfänglichen eGFR-Abfall falsch interpretieren
Nach Beginn
einer Therapie mit SGLT2-Hemmern sinkt die geschätzte glomeruläre
Filtrationsrate (eGFR) häufig vorübergehend um etwa 10 bis 15%. Dieser Effekt
wird fälschlicherweise als Hinweis auf eine Nierenschädigung
interpretiert.
Tatsächlich
beruht er jedoch auf reversiblen hämodynamischen Veränderungen im Glomerulus,
die langfristig sogar nephroprotektiv wirken. Ein eGFR-Rückgang von bis zu 30%
innerhalb der ersten 3 Monate gilt daher als akzeptabel. Erst wenn die
Verschlechterung stärker ausfällt oder anhält, sollte gezielt nach möglichen
Ursachen wie einer Hypovolämie, einer Hypotonie, einer zu intensiven
Diuretikatherapie oder einer unbemerkten Einnahme von NSAR gesucht werden.
3.
Aufgrund genitaler Infektionen die Therapie abbrechen
Zu den
häufigsten Nebenwirkungen von SGLT2-Hemmern gehören genitale Pilzinfektionen,
insbesondere Candidosen. Betroffen sind vor allem adipöse Patienten sowie
Menschen mit entsprechender Vorgeschichte.
Falsch wäre,
die Therapie bereits beim ersten Auftreten der Beschwerden zu stoppen.
Patienten sollten schon vor Beginn der Behandlung über das Risiko aufgeklärt
werden und Hinweise zur Intimhygiene erhalten. Treten erste Symptome auf,
genügt in den meisten Fällen eine lokale antimykotische Therapie, ohne dass die
Medikation unterbrochen werden muss. Das Risiko für Harnwegsinfektionen ist
hingegen nur leicht erhöht. Es betrifft überwiegend Frauen. Eine
prophylaktische Antibiotikatherapie ist nicht erforderlich.
4.
Euglykämische Ketoazidosen übersehen
Eine
Herausforderung bei der Therapie mit SGLT2-Hemmern ist die euglykämische
Ketoazidose (euglykämisch: normaler Blutzucker). Sie kann auch dann auftreten,
wenn die Blutzuckerwerte nur moderat erhöht oder nahezu normal sind. Besonders
gefährdet sind Patienten mit Diabetes und unzureichender Insulinversorgung.
Begünstigt wird die Komplikation unter anderem durch Fastenperioden, ketogene
Diäten, Alkoholmissbrauch, Infektionen oder operative Eingriffe.
Umso
wichtiger ist eine umfassende Aufklärung der Patienten über sogenannte
„Sick-Day-Rules“. Dazu zählt, das Medikament bei akuten Erkrankungen
vorübergehend abzusetzen, auf eine ausreichende Flüssigkeits- und
Kohlenhydratzufuhr zu achten und gegebenenfalls Ketonkontrollen durchzuführen.
Für Patienten mit Typ-1-Diabetes sind SGLT2-Hemmer derzeit nicht zugelassen.
5.
Falsches perioperatives Management von SGLT2-Hemmern
Speziell im
perioperativen Setting ist das Risiko einer euglykämischen Ketoazidose erhöht.
Deshalb sollten SGLT2-Hemmer vor geplanten Operationen rechtzeitig pausiert
werden.
Experten
raten, die Therapie am Tag vor der Operation, am OP-Tag sowie am
darauffolgenden Tag auszusetzen. Erst wenn der Patient wieder normal essen und
trinken kann und keine Gefahr einer Dehydratation mehr besteht, sollte die
Behandlung wieder eingeleitet werden.
6.
GLP-1-RA unreflektiert vor OPs absetzen
Im
Unterschied zu SGLT2-Hemmern müssen GLP-1-RA vor Operationen oder
endoskopischen Eingriffen nicht grundsätzlich abgesetzt werden. Anlass der
Diskussion ist die durch diese Medikamente hervorgerufene, per se
wünschenswerte verzögerte Magenentleerung.
Ein Absetzen
sollte nur bei individuellen Risikofaktoren in Betracht gezogen werden, etwa
bei bekannter Gastroparese, ausgeprägter Übelkeit oder einer kürzlich erfolgten
Dosiseskalation. Bestehen Unsicherheiten, kann bereits eine klare Flüssigdiät
in den 24 Stunden vor dem Eingriff ausreichend sein, um Risiken zu
minimieren.
7.
Warnzeichen einer Retinopathie unter Semaglutid ignorieren
Unter
Semaglutid wurde in Studien ein leichter Anstieg diabetischer
Retinopathie-Komplikationen beobachtet. Vermutlich steht dies mit einer sehr
raschen Senkung des HbA1c-Wertes in Zusammenhang. Besonders gefährdet sind
Patienten mit schlecht eingestellter präproliferativer oder proliferativer
Retinopathie.
Vor Beginn
der Therapie sollte deshalb eine augenärztliche Untersuchung durchgeführt
werden. Bei Risikopatienten empfiehlt sich zudem eine langsame Dosissteigerung
sowie eine engmaschige augenärztliche Kontrolle.
8.
GLP-1-RA mit DPP-4-Hemmern kombinieren
Die
Kombination aus GLP-1-Rezeptoragonisten und DPP-4-Hemmern bietet keinen
zusätzlichen therapeutischen Nutzen. Beide Wirkstoffgruppen greifen in das
Inkretinsystem ein, wobei GLP-1-RA deutlich wirksamer sind.
Deshalb
sollten DPP-4-Hemmer abgesetzt werden, sobald eine Therapie mit einem GLP-1-RA
begonnen wird. Leitlinien – darunter die Empfehlungen der American Diabetes
Association – raten ausdrücklich von dieser Kombination ab, nicht zuletzt wegen
der hohen Kosten bei fehlendem Zusatznutzen.
9.
Begleitmedikation nicht anpassen
GLP-1-RA
verursachen als Monotherapie nur selten Hypoglykämien. Problematisch kann es
jedoch werden, wenn sie gleichzeitig mit Sulfonylharnstoffen, Gliniden oder
Insulin eingesetzt werden. Falsch wäre, die bestehende antidiabetische Therapie
beim Beginn eines GLP-1-Agonisten unverändert fortzuführen.
Experten
empfehlen, die Dosis von Sulfonylharnstoffen oder Basalinsulin zu
Therapiebeginn vorsorglich um etwa 50% zu verringern und anschließend anhand
der Blutzuckerwerte individuell anzupassen.
10.
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen missachten
Trotz ihrer
hohen Wirksamkeit sind GLP-1-RA nicht für alle Patienten geeignet. So sollte
Semaglutid beispielsweise während der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden.
Frauen im gebärfähigen Alter sollten daher unter der Therapie zuverlässig
verhüten; vor einer geplanten Schwangerschaft sollte das Medikament mindestens
2 Monate zuvor abgesetzt werden.
Kontraindiziert
sind GLP-1-RA außerdem bei Patienten mit persönlicher oder familiärer
Vorgeschichte eines medullären Schilddrüsenkarzinoms oder einer multiplen
endokrinen Neoplasie Typ 2.
Fazit:
Paradigmenwechsel in der Diabetologie
Alles in
allem erfordert der erfolgreiche Einsatz dieser modernen Wirkstoffklassen ein
Umdenken: weg von der ausschließlichen Fokussierung auf den Blutzuckerwert, hin
zu einem umfassenden kardiovaskulären und nephrologischen
Risikomanagement.
Wer typische
Fehler kennt und vermeidet, kann das volle Potenzial der Therapie ausschöpfen
und die Prognose von Patienten mit Typ-2-Diabetes, chronischer Nierenerkrankung
oder Herzinsuffizienz nachhaltig verbessern.
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