Eine Pandemie ohne Virus
Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie Krebs fordern in großen Teilen der Welt die meisten Todesopfer. Die »Erreger« dieser Krankheiten? Es sind keine Viren, sondern Bewegungsmangel, ungesunde Gewohnheiten und vor allem falsche Ernährung.
Modifizierbare
Risikofaktoren sind heute in Deutschland für 50 Prozent aller Todesfälle
verantwortlich«, sagte Professor Dr. Martin Smollich vom Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein in Lübeck beim Fortbildungskongress Pharmacon in Schladming.
Diese Risikofaktoren sind: ungünstige Ernährung, Bewegungsmangel und insgesamt
eine gesundheitsschädliche Lebensweise. Sie würden zu Unrecht teilweise noch
immer als »nice to have« angesehen und nicht als das, was sie sind: zentraler
Bestandteil einer präventiv ausgerichteten Medizin und Pharmazie.
Der
Lebensstil trage entscheidend zu den Volkskrankheiten unserer Zeit bei. So
seien etwa Adipositas und Typ-2-Diabetes zu 90 Prozent
lebensstilbedingt, chronische Atemwegserkrankungen zu 80 Prozent,
kardiovaskuläre Erkrankungen zu 50 Prozent und Krebs zu 40-50 Prozent.
Abgesehen von der erhöhten Sterblichkeit seien diese Erkrankungen auch mit
erheblichen Einbußen bei der Lebensqualität verbunden. »Es geht nicht darum,
irgendwie alt zu werden, sondern darum, gesund alt zu werden«, verdeutlichte
Smollich.
Nahrung
ist zu energiedicht
Als
Apotheker, der nach eigener Aussage »vor einigen Jahren in die
Ernährungswissenschaft abgebogen ist« und nun die Arbeitsgruppe
Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin leitet, legte der Prof.
Martin Smollich den größten Schwerpunkt auf die Ernährung. Deren Bedeutung
sei etwa bei Adipositas viel größer als die der Bewegung: An der
Entstehung von Adipositas habe die Ernährung einen Anteil von 90 Prozent und
die Bewegung von 10 Prozent. Der Grund sei die hohe Energiedichte vieler
Nahrungsmittel: »Die Nahrung ist so energiedicht, da kommt die Bewegung nicht
hinterher.« Eine schlechte Ernährung durch Training zu kompensieren, sei
daher schlicht unmöglich.
Smollich
ging in seinem Vortrag die aktuellen Empfehlungen zur Prävention der einzelnen
Volkskrankheiten durch – und es war auffällig, dass eigentlich immer wieder
dieselben Dinge auf den Folien standen. Die Basis bildet stets eine
pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten und
Nüssen. Zu begrenzen sind Fleisch, gesättigte Fettsäuren und Kochsalz,
möglichst ganz zu meiden Transfette, zugesetzter Zucker und verarbeitetes
Fleisch. Beim Alkohol habe sich die Empfehlung geändert von »wenig« zu »gar
nicht« – nicht weil bereits geringste Mengen schadeten, sondern weil es mit
wissenschaftlichen Methoden nicht möglich sei, eine Grenze für den sicheren
Konsum festzulegen, so Smollich.
Neben einer
gesunden Ernährung ist Bewegung essenziell. Hierbei gehe es nicht primär darum,
»Kalorien zu verbrennen«. Bewegung sei auch dann gesund, »wenn man nichts
sieht«, wenn sie also nicht zu einem Gewichtsverlust führt. Die
Präventivwirkung ergibt sich aus der Veränderung der Körperzusammensetzung. Krafttraining
sei daher mit Blick auf die kardiovaskuläre Gesundheit mindestens ebenso
wichtig wie Ausdauertraining.
Genügend
und gut schlafen
Oft
unterschätzt werde die Bedeutung eines guten und ausreichenden Schlafs für die
Gesundheit. »Seit den 1950er-Jahren hat sich die durchschnittliche Schlafzeit
in Deutschland um fast zwei Stunden verkürzt.« Das sei unter anderem mit Blick
auf das kardiovaskuläre Risiko keine gute Entwicklung. Ein Faktor sei, dass
Schlafmangel Heißhunger und Süßpräferenz verstärke: In einer Studie reduzierte
eine Verlängerung der Schlafzeit die Energiezufuhr übergewichtiger Probanden um
270 kcal pro Tag (DOI: 10.1001/jamainternmed.2021.8098). »Das eine
Größenordnung, die wir auch therapeutisch anwenden«, informierte Smollich.
Zivilisationskrankheiten
kosten die Krankenkassen in Deutschland 120-140 Milliarden Euro pro Jahr
Die
finanziellen Belastungen des deutschen Gesundheitssystems durch moderne
Lebensstilerkrankungen erreichen ein beispielloses Niveau. Diese gewaltigen
Summen spiegeln nicht nur die medizinischen Herausforderungen wider, sondern
auch die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten
Jahrzehnte. Mit steigender Tendenz werden diese Zivilisationskrankheiten zu
einer der größten Herausforderungen für die Zukunftsfähigkeit unseres
Gesundheitswesens.
Die
enorme Kostenlast durch Zivilisationskrankheiten in Deutschland
Im Jahr 2024
verursachten Krankheiten in Deutschland direkte Kosten von insgesamt 491,6
Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 120 bis 140 Milliarden Euro allein auf
Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Störungen,
Adipositas ,Diabetes und Muskel-Skelett-Erkrankungen. Diese Zahlen
verdeutlichen das enorme Ausmaß der gesundheitlichen und wirtschaftlichen
Belastung.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
sind mit 64,6 Milliarden Euro die kostenintensivste Krankheitsgruppe.
Psychische und Verhaltensstörungen folgen knapp dahinter mit 63,3 Milliarden
Euro. Weitere bedeutende Kostenverursacher sind Verdauungskrankheiten mit 50,6 Milliarden
Euro und Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 49,9 Milliarden Euro. Die
Krankheitskosten sind seit 2015 um rund 45 Prozent gestiegen, was auf eine
alternde Bevölkerung, teurere Therapien und steigende Behandlungskosten
zurückzuführen ist.
Diese
dramatische Entwicklung zeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht, um die
Kostenexplosion zu bremsen und gleichzeitig die Gesundheitsversorgung auf hohem
Niveau zu sichern.
Prävention
als Schlüssel zur Entlastung der Krankenkassen
Die
gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen investieren verstärkt in
Präventionsmaßnahmen und Gesundheitsförderung, um die Kostenexplosion zu
bremsen. Im Jahr 2024 stiegen die Ausgaben für Prävention und
Gesundheitsförderung um 9 Prozent, für Prävention in Pflegeeinrichtungen sogar
um 24 Prozent. Die Schwerpunkte liegen auf Bewegung, Stärkung psychischer
Gesundheit, Ernährung und Gesundheitskompetenz.
Das
Gesundes-Herz-Gesetz von 2024 zielt darauf ab, Herz-Kreislauf-Erkrankungen
besser vorzubeugen und zu behandeln, um langfristig Kosten zu senken. Diese
Initiative ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, zeigt aber auch,
wie komplex die Herausforderungen sind.
Trotz dieser
Bemühungen bleibt die Herausforderung groß: Zivilisationskrankheiten sind durch
Lebensstilfaktoren und demografischen Wandel weiterhin auf dem Vormarsch. Eine
umfassende gesellschaftliche Anstrengung ist notwendig, um die Krankheitslast
und die damit verbundenen Kosten nachhaltig zu reduzieren. Nur durch
gemeinsames Handeln von Politik, Krankenkassen, Ärzten und Bürgern kann diese
Entwicklung gestoppt werden.

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