Prähabilitation: Wie Krafttraining und Ernährung vor einer Operation die Genesung beeinflussen
Was bringt Krafttraining oder spezielle Ernährung vor einer Operation? Ein Forschungsteam zeigt, wie solche Programme das Risiko für Komplikationen senken und den Klinikaufenthalt verkürzen. So bereiten Sie sich optimal vor.
Patienten
haben weniger Komplikationen und werden schneller aus dem Krankenhaus
entlassen, wenn sie sich mit einem bestimmten Trainingsprogramm auf eine
Operation vorbereiten. Das zeigt die Auswertung von 23 Studien zur sogenannten
Prähabilitation, wie US-Forscher der Universität von Kalifornien im Fachmagazin
„Journal of the
American College of Surgeons“ berichten. Bei der Prähabilitation geht es
darum, den Körper mit Blick auf einen schweren Eingriff gezielt zu stärken.
Die Forscher
konnten mit ihrer Analyse zeigen, dass Patienten, die im Vorfeld einer
Operation an Bewegungsprogrammen teilnahmen, im Vergleich zur
Standardversorgung im Durchschnitt ein um rund die Hälfte gesunkenes
Komplikationsrisiko hatten. Diese Programme bestanden zumeist aus Kraft- oder
Intervalltraining und dauerten zwischen zwei Wochen und sechs Monaten. Die
Patienten selbst gaben an, dass das Training ihre Lebensqualität insgesamt
verbessert habe.
Ernährungsprogramme
vor einer Operation dagegen senkten nicht das Komplikationsrisiko, sondern
verkürzten die Verweildauer im Krankenhaus im Schnitt um etwa 14 Prozent. Diese
Programme dauerten in der Regel fünf Tage bis zwei Wochen und umfassten häufig spezielle
Nahrungsergänzungsmittel.
Jährlich
gibt es nach Angaben des Forschungsteams weltweit mehr als 300 Millionen
Operationen, und diese Zahl werde voraussichtlich weiter steigen, da die
Bevölkerung in vielen Regionen der Welt altert. Bis zu 25 Prozent der
Patientinnen und Patienten würden Komplikationen erleiden.
Das
Forscherteam hatte zunächst große Studiendatenbanken für den Zeitraum 2004 bis
2024 durchsucht und Arbeiten mit bestimmten Qualitätsmerkmalen etwa zum
Stichwort Prähabilitation ausgewählt. Von 298 gescreenten Studien wurden 23 mit
insgesamt 2182 Teilnehmenden (davon 1100 Männer) in die Metaanalyse
eingeschlossen; rund die Hälfte der Patienten hatte ein Bewegungsprogramm oder
eine bestimmte Ernährung erhalten, die andere eine Standardbehandlung oder ein
Placebo.
Das Team
untersuchte, wie sich diese Programme nach der Operation auswirkten. Dabei
wurden Bewegungsprogramme am häufigsten bei orthopädischen Eingriffen
eingesetzt, während Ernährungsprogramme vorwiegend bei Operationen der
Verdauungsorgane und des Herzens genutzt wurden. Es gab 18 Studien zur Bewegung
und fünf zur Ernährung.
„Ziel der
Prähabilitation ist es, Patientinnen und Patienten vor der Operation zu
optimieren, indem ihre körperliche Ausdauer, ihre Ernährungsreserven und ihre
mentale Bereitschaft verbessert werden“, heißt es in der Studie. Wichtig sei
eine Zusatzernährung vor der Operation, besonders bei Menschen mit
Mangelernährung. Das Team schlägt auch psychologische Ansätze wie kognitive
Verhaltenstherapie vor, „die nachweislich hilft, belastende Denkmuster zu
verändern und die Stressbewältigung zu verbessern“.
Catherine
Cascavita, Erstautorin der Metaanalyse, sagte: „Weitere Forschung ist
notwendig, um herauszufinden, welches Programm für den jeweiligen Patienten und
dessen spezifische Operation am besten geeignet ist.“ Ein wichtiger Aspekt ist
laut Studie die Integration der Prähabilitation in den Klinikalltag. „Dies
erfordert zunächst Investitionen in die Entwicklung geeigneter Programme, die
auf die jeweilige Operation und Patientengruppe zugeschnitten sind.“
In
Deutschland steht das Konzept der Prähabilitation erst am Anfang. Der Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin,
Christian Sturm von der Medizinischen Hochschule Hannover, bewertet die
Untersuchung seiner US-Kollegen als ermutigend. „Die Ergebnisse sind plausibel
und decken sich mit anderen Studienergebnissen auf jeden Fall“, sagt Sturm und
verweist zugleich auf die Niederlande, die mit entsprechenden Vorbereitungen
vor einer Operation bereits sehr viel weiter seien.
„Das Problem
ist, dass Prähabilitation so als Programm nicht bezahlt wird“, erklärt Sturm.
„Das gibt es nicht als fertiges Paket, sondern höchstens nur als
Einzelleistung.“ Ärzte könnten vor einer Operation jedoch einfach
Krankengymnastik oder in einigen Fällen auch Ernährungsprogramme verschreiben.
Die
Prähabilitation könne bewirken, dass etwa das Knie eines Patienten wieder
schmerzarm werde und die Operation dann möglicherweise gar nicht mehr notwendig
sei, so Sturm. Müsse die Operation durchgeführt werden, gehe der Patient aber
mit guter Kraft und guter Gleichgewichtsteuerung in den Eingriff. „Insofern ist
es also in jedem Fall etwas Gutes“, sagt Sturm.
Heute werde
in Deutschland immer „sehr schnell, sehr viel operiert“, kritisiert Sturm.
Dabei sei eigentlich vorgeschrieben, „dass man bei jedem Menschen, der
Schmerzen hat, zum Beispiel an Gelenken, erst mal versucht, das Problem ohne
Operationen zu lösen, wenn es kein Notfall ist“. Es werde jedoch bei längeren
Beschwerden oft operiert, weil mögliche Maßnahmen wie Physiotherapie oft den
Budgets und Wirtschaftlichkeitsprüfungen in den Arztpraxen unterlägen und Ärzte
daher nicht zu viel verordnen möchten.
Eine
Vorbereitung zur Operation ist laut Sturm vor allem bei geschwächten Menschen
bedeutend, die schon seit Jahren Gelenkschmerzen oder Verdauungsstörungen
haben. „Wichtig ist, dass der Patient nach der Operation wieder schnell aus dem
Bett kommt, denn die Hauptrisikofaktoren für Komplikationen kommen vom Liegen.“
Die relativ
hohe Todesrate nach Oberschenkelhalsbrüchen bei älteren Menschen sei Studien
zufolge dadurch zu erklären, dass die Patienten so lange liegen und so lange
immobil sind, sagt Sturm. Dann kämen oft Lungenentzündungen hinzu und Embolien
oder Thrombosen. Um dies zu verhindern, seien nicht nur Rehabilitation, sondern
eben auch Prähabilitation essenziell.
Beispielsweise
sollten ältere Menschen vor einer Hüftoperation trainieren, ausreichend
Flüssigkeit und Nahrung zu sich nehmen, vielleicht sogar schon mal üben, mit
Unterarmgehstützen zu laufen, damit sie das nach der Operation könnten und
nicht erst lernen müssten, sagt Sturm. Das vermindere das Stolpern und
Hinfallen danach.
Wichtig
seien auch ein Sensibilitätstraining der Füße und ein Gleichgewichtstraining.
Das alles reduziere die Liegezeit danach, so Sturm. „Und finanziell lohnt es
sich auch, weil man die Leute besser wieder fitter bekommt. Man kann sie
schnell aus dem Krankenhaus entlassen, sie haben entsprechend weniger
Intensivmedizinzeit.“
Für
Operationen von älteren, schwachen Menschen (Frailty-Syndrom) gibt es bereits
eine Leitlinie für Ärzte mit Abschnitten zur Prähabilitation, die von der
Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin herausgegeben
wurde. Sie entstand in Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften.
Das
Autorenteam schlägt vor, diesen Menschen vor bestimmten chirurgischen
Operationen oder dem Einsetzen eines Hüftgelenks eine Bewegungs- und
Ernährungstherapie sowie psychologische Unterstützung „anzubieten“.
Insbesondere empfiehlt sie diesen Patienten ein körperliches Training vor
Operationen. Für weitere Eingriffe wie etwa Knieprothesen oder
neurochirurgische Operationen seien noch zu wenige Studien verfügbar.
Derzeit gebe
es keine standardisierten, klaren Empfehlungen für die Organisation und
Durchführung von Programmen zur Prähabilitation, heißt es in der Leitlinie. Die
genutzten Programme unterschieden sich stark in Dauer, Inhalt und
Ergebnismessung, was eine starke Heterogenität der verfügbaren Studien zur
Folge habe. Auch der Einfluss einer Prähabilitation auf Langzeitergebnisse sei
weiterhin unklar. Weitere große Studien im deutschen Gesundheitssystem bei
Menschen mit Frailty seien erforderlich.
An der
Medizinischen Hochschule Hannover gebe es Prähabilitation bereits in der
Bauchchirurgie mit einer Ernährungsberaterin und entsprechender Physiotherapie.
„Da übernehmen wir teilweise die Kosten, um die Komplikationen danach zu
reduzieren und damit die Folgekosten zu senken“, sagt Sturm und fordert die
Politik auf, dafür zu sorgen, dass künftig die Einzelbausteine bezahlt werden –
oder besser noch das gesamte Prähabilitations-Paket.

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