Warum Sport Frauen anders belastet

 

Frauen sind im Leistungssport anderen Belastungen ausgesetzt als Männer. Kaum an den weiblichen Körper angepasste Trainingskonzepte gefährden langfristig ihre Gesundheit. Sportlerinnen, die das öffentlich ansprechen, ernten jedoch oft nur Kritik dafür.

So eine Ausrede habe ich ja noch nie gehört.“ „Jammern.“ „Das ist ja lächerlich.“ So lauteten einige Reaktionen, als die italienische Biathletin Dorothea Wierer nach Olympia im Interview erklärt hat, dass sie während ihrer Periode nicht ihre volle Leistung bringen konnte.

Doch das ist nur einer von vielen Unterschieden, die speziell Frauen im Sport betreffen. Auch zu wenig Energie für den Körper, hormonelle Störungen und ein etwas höheres Risiko für Verletzungen zählen dazu, erklärt der Gynäkologe und Endokrinologe Johannes Ott, von der Medizinischen Universität Wien.

Unangepasste Methoden

Viele Trainingspläne wurden ursprünglich auf Basis männlicher Daten entwickelt. Trainingskonzepte, die von diesen Bedingungen ausgehen, können bei Frauen aber zu falschen Belastungen und Herausforderungen führen. Ein intensives Training, das nicht an den weiblichen Körper angepasst ist, kann nicht nur den Trainingserfolg mindern, sondern langfristig auch die Gesundheit gefährden.

Diese Probleme betreffen vor allem Athletinnen mit hoher Trainingsintensität und unzureichender Energiezufuhr – allgemein gilt aber für alle Sportlerinnen: Je intensiver der Sport und je schlechter die Nährstoffversorgung, desto größer das Risiko.

RED-S: Wenn das Hormonsystem „einschläft“

RED-S entsteht durch ein chronisches Missverhältnis zwischen dem täglichen Energieverbrauch durch Training und der tatsächlichen Kalorienaufnahme – häufig liegt das Defizit bei 300–1.000 kcal pro Tag über Wochen oder Monate hinweg. Ursprünglich wurde das Phänomen 1992 vom American College of Sports Medicine als Female Athlete Triad beschrieben – bestehend aus Essstörung, Amenorrhoe und Osteoporose. Seit 2014 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) das Konzept unter dem Begriff RED-S erweitert, um die weitreichenderen physiologischen Auswirkungen abzubilden, die beide Geschlechter betreffen.

Besonders gefährdet sind Athletinnen und Athleten in Sportarten mit Gewichtsklassen (Ringen, Judo, Rudern), ästhetischen Bewertungskriterien (Eiskunstlauf, Turnen, Ballett) sowie Ausdauerdisziplinen mit hohem Kalorienverbrauch (Marathonlauf, Triathlon, Radsport). Zu den zentralen Risikofaktoren zählen restriktive Diäten wie Intervallfasten oder Low-Carb-Ernährung während intensiver Trainingsphasen, Druck von Trainern zur Gewichtsreduktion sowie perfektionistische Persönlichkeitsmerkmale. Studien des IOC und der British Journal of Sports Medicine schätzen die Prävalenz bei Eliteathleten je nach Sportart auf 15–80 % – bei Langstreckenläuferinnen liegt sie bei bis zu 60 %, bei männlichen Radfahrern bei etwa 40 %. Im Breitensport bleibt die Dunkelziffer hoch, da Symptome oft als normale Trainingserschöpfung fehlinterpretiert werden.

Wirkung des RED-S-Syndroms: Körperliche und psychische Beeinträchtigungen

Bei anhaltendem Energiemangel schaltet der Körper in einen „Notbetrieb": Nicht lebensnotwendige Funktionen wie Reproduktion, Wachstum und Immunabwehr werden gedrosselt, um die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Bei Frauen äußert sich dies häufig in Zyklusstörungen bis hin zur vollständigen Amenorrhoe. Bei Männern sind die Symptome subtiler – verminderte Libido und hormonelle Dysbalancen bleiben oft lange unbemerkt.

Typische körperliche Symptome umfassen Müdigkeit, erhöhte Infektanfälligkeit, Muskelschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme und Stimmungsschwankungen. Das Verletzungsrisiko steigt deutlich – insbesondere Stressfrakturen und verzögerte Heilungsverläufe sind häufige Folgen. Auf psychischer Ebene können sich Nervosität, depressive Verstimmungen und bestehende Essstörungen weiter verstärken, was die Situation zusätzlich erschwert.

Leistungsfähigkeit leidet

Die Folgen gehen weit über Zyklusstörungen hinaus. Ein länger andauernder Mangel an Östrogen kann die Knochendichte verringern und das Risiko für Osteoporose erhöhen. Außerdem gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen im späteren Leben. „Das ist paradox“, sagt Ott, „weil eine Frau, die ihr Leben lang sportlich und gesund gelebt hat, im Alter dennoch ein höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall entwickeln könnte – nur weil sie in jungen Jahren dauerhaft mit zu wenig Energie trainiert hat.“

Besonders häufig tritt RED-S im Ausdauersport und bei Profiathletinnen auf. Grundsätzlich kann ein relatives Energiedefizit jedoch in jeder Sportart vorkommen.

Zyklus und Hormone

Neben RED-S spielt auch der weibliche Zyklus eine wichtige Rolle für Training und Leistung. Hormone beeinflussen, wie gut Muskeln aufgebaut werden, wie schnell sich der Körper erholt und wie belastbar man sich fühlt.

Studien zeigen – vor allem aus dem Kraftsport –, dass ein an den Zyklus angepasstes Training Vorteile haben kann. In der ersten Zyklushälfte, wenn das Hormon Östrogen ansteigt, können intensive Einheiten besonders effektiv für Muskelaufbau, Kraft und Ausdauer sein. In der zweiten Zyklushälfte kann es sinnvoll sein, die Intensität etwas zu reduzieren. Denn das Hormon Progesteron, das in dieser Phase des weiblichen Zyklus gebildet wird, unterstützt vermutlich eher die Regeneration.

Höheres Verletzungsrisiko

Hinweise gibt es auch darauf, dass das Verletzungsrisiko in der zweiten Zyklushälfte leicht erhöht sein könnte. Progesteron macht Bindegewebe und Gelenke etwas weicher. Was biologisch für eine mögliche Schwangerschaft sinnvoll ist, kann im Leistungssport bedeuten, dass Gelenke minimal instabiler und damit anfälliger für Verletzungen sind.

Auch die Psyche spielt eine Rolle: Viele Athletinnen berichten, dass sie sich in der ersten Zyklushälfte belastbarer und durchhaltefähiger fühlen. In der Hochleistungszone können selbst normale Hormonschwankungen über Sieg oder Niederlage entscheiden. Kommen Beschwerden wie starke Blutungen, Eisenmangel oder ausgeprägte prämenstruelle Symptome dazu, ist ein Leistungsabfall körperlich und mental nachvollziehbar.


Training speziell für Frauen

Viele dieser Probleme sind noch immer zu wenig bekannt. Es brauche mehr Forschung und Trainingskonzepte, die den weiblichen Körper gezielt berücksichtigen, So können Sportlerinnen das Beste aus ihrem Training holen und Höchstleistungen erreichen – ohne ihre Gesundheit langfristig zu gefährden.

Einiges wissen Medizin und Sportwissenschaft aber auch jetzt schon. Die wichtigste Maßnahme gegen RED-S ist eine ausreichende Energiezufuhr: Genug und ausgewogen essen – angepasst an Trainingsumfang und Wettkampfphase.

Dazu gehören ausreichend Kohlenhydrate, Proteine und wichtige Nährstoffe wie Eisen, Calcium und Vitamin D. Nur wenn der Körper genug Energie bekommt, bleibt die Hormonproduktion stabil und die langfristige Gesundheit geschützt.

Deswegen sollten Frauen mit entsprechender hoher Trainingsintensität und Trainingsumfang regelmäßig diese Werte überprüfen lassen.

Ebenso wichtig sind ausreichend Schlaf und Erholungsphasen. Sie helfen, den Hormonhaushalt im Gleichgewicht zu halten und leistungsfähig zu bleiben. Zusätzlich kann es sinnvoll sein, das Training an den Zyklus anzupassen: intensiver in der ersten Zyklushälfte, etwas moderater in der zweiten.

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