Warum die Kniebeuge für Frauen beim Beinkrafttraining nicht reicht!
Nur Squats und Bulgarian Split für Beine und Po? Das kann für Frauen gefährlich werden. Studie zeigt: Frauen aktivieren dabei eine wichtige Muskelgruppe kaum. So trainieren Sie sicher und effektiv.
Die
Kniebeuge gilt als das ultimative Workout für Beine und Po. Doch die Forschung
zeigt: Frauen haben bei dieser Übung einen „blinden Fleck“. Während die
Vorderseite wächst, bleibt ein entscheidender Schutzmuskel für das Knie oft
inaktiv. Wir erklären, warum Frauen anders „squaten“ als Männer – und welche
eine Übung in Ihrem Plan ab sofort Pflicht ist.
Die
Kniebeuge ist für Frauen wichtig, aber nicht alles
Wenn es um
Beintraining geht, führt kein Weg an ihr vorbei: Die Kniebeuge (Squat) wird als
„Königin der Übungen“ gefeiert. Sie gilt als das Komplettpaket für einen
straffen Po, kräftige Oberschenkel und einen stabilen Rumpf.
Gerade in
den sozialen Medien wird suggeriert: „Wer einen tollen Körper will, muss nur
schwer beugen.“ Doch für Frauen könnte dieser Ratschlag unvollständig – und im
schlimmsten Fall sogar risikoreich – sein. Eine sportwissenschaftliche Studie
(Mehls et al., 2022) deckte auf, dass Frauen die Kniebeuge muskulär ganz anders
ansteuern als Männer. Das Ergebnis ist eine gefährliche Dysbalance: Die
Vorderseite wird stark, die Rückseite bleibt schwach.
Die
Studie: Frauen fehlt die „Bremse“ auf der Rückseite
Um zu
verstehen, was bei der Kniebeuge im weiblichen Körper passiert, haben Forscher
tief in die Muskelfasern geschaut. Mittels Elektromyographie (EMG) wurde
gemessen, wie stark bestimmte Muskeln während der Bewegung aktiviert sind.
Das Ergebnis
war eindeutig: Männer aktivieren bei der Abwärtsbewegung der Kniebeuge
signifikant stärker den Bizeps femoris auf der Oberschenkelrückseite (Teil der
Hamstrings bzw. ischiocruralen Muskulatur) als Frauen. Während bei Männern
Vorder- und Rückseite im Team arbeiten, verlässt sich der weibliche Körper bei
der Kniebeuge fast ausschließlich auf den Quadrizeps auf der
Oberschenkelvorderseite und den Gluteus (Gesäß).
Warum ist
das so? Hier spielen laut der Studie zwei wesentliche Faktoren eine Rolle:
- Frauen trainierten mit einer
geringeren relativen Last als die Männer. Da die Muskelaktivität meist
linear mit der Trainingsintensität steigt, ist die geringere Aktivierung
der Hamstrings (Biceps femoris) teilweise auf das leichtere Gewicht
zurückzuführen.
- Diese geringere Aktivität könnte
auch für eine geringere sogenannte Co-Kontraktion sprechen. Das bedeutet,
dass die Hamstrings weniger stark als „Gegenspieler“ agieren, um das
Gewicht in der Abwärtsbewegung abzufangen und das Gelenk zu stabilisieren.
Ob dies an
einer anatomischen Besonderheit liegt oder ein unbewusstes Bewegungsmuster
darstellt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend
Fest stehe
jedoch: Bleibt die Last – wie oft im Breitensport bei Frauen beobachtet – eher
moderat, wird die Rückseite bei der Kniebeuge schlichtweg nicht ausreichend
gefordert.
„Quad-Dominanz“:
Der Risikofaktor Nr. 1 für Frauenknie
Warum ist
das ein Problem? Die Oberschenkelrückseite fungiert wie ein Sicherheitsgurt für
das Knie. Sie verhindert, dass das Schienbein bei Belastung zu weit nach vorne
rutscht und schützt so das vordere Kreuzband. Außerdem können starke Hamstrings
Muskelfaserrisse und andere typische Verletzungen durch explosive Bewegungen,
Richtungswechsel oder schnelles Abbremsen (bspw. bei Ballsportarten)
verhindern. Wenn Frauen schwer beugen, aber diesen „Sicherheitsgurt“ nicht
aktivieren, steigt die Belastung und das Risiko für das Kniegelenk enorm.
Dieses
Phänomen nennt man „Quad-Dominanz“. Der vordere Oberschenkel ist im Verhältnis
zum hinteren übermäßig stark und besser aktivierbar. Diese Dysbalance ist
laut Studien einer der Hauptgründe, warum Frauen
statistisch gesehen deutlich häufiger Kreuzbandrisse erleiden als Männer.
Daneben spielen andere anatomische und hormonelle Faktoren eine
Rolle.
Die
Kniebeuge ist zweifellos fantastisch, um den Quadrizeps zu formen und den
Gluteus Maximus zu stärken. Aber sie trainiert bei Frauen eben nicht die
komplette Beinmuskulatur. Wer sich nur auf Squats verlässt, trainiert sich in
ein Ungleichgewicht hinein.
Die
Lösung: Isolation ist keine Kür, sondern Pflicht
Die logische
Konsequenz aus diesen Daten ist simpel, wird aber in vielen
Frauen-Trainingsplänen ignoriert: Die Beinrückseite muss isoliert trainiert
werden. Die Kniebeuge allein reicht nicht als Reiz für die Hamstrings.
Tim Havers
empfiehlt daher, spezifische Assistenzübungen fest in den Plan zu integrieren.
Die effektivste Methode, um den „blinden Fleck“ der Kniebeuge auszugleichen,
ist der Leg Curl (Beinbeuger) an der Maschine.
Warum die
Maschine?
Viele Frauen
setzen auf Kreuzheben mit gestreckten Beinen (Rumänisches Kreuzheben). Das ist
eine hervorragende Übung, trainiert aber auch stark den Rücken und
den Po. Der Leg Curl an der Maschine (sitzend oder liegend) hat den Vorteil,
dass er den Biceps femoris zwingt, die Arbeit allein zu verrichten – ohne dass
der starke Po mithilft.
Der Frauen Kraft-Plan für die Beine
Um Ihre Knie
zu schützen und die Beine harmonisch zu formen, sollte Ihr Training ab sofort
aus zwei Komponenten bestehen:
- Die Druck-Übung (für Po &
Vorderseite): Hier bleibt die Kniebeuge (Squat) der Goldstandard. Achten
Sie auf saubere Technik und volle Tiefe.
- Die Zug-Übung (für die
Rückseite): Ergänzen Sie zwingend 3 bis 4 Sätze Beinbeuger (Leg Curl).
Was die
Reihenfolge der Übungen betrifft – Kniebeuge vor Beinbeuger oder andersherum gibt
es kein striktes Richtig oder Falsch. „Es kommt auf das Trainingsziel an.“ Aus
der Trainingspraxis ergeben sich zwei Szenarien:
- Leg Curl vor Squat: Das kann
sinnvoll sein, wenn man die Gegenspieler (Hamstrings) bei der Kniebeuge
gezielt „spüren“ möchte oder das Kniegelenk noch nicht warm genug ist.
Eine leichte Voraktivierung könnte das Gefühl für Stabilität verbessern.
Aber: Wenn wir den Muskel hier schon extrem stark ermüden, kann das die
Leistung und Stabilität bei der anschließenden Kniebeuge auch negativ
beeinflussen. Die Reihenfolge hängt also auch von der Priorität ab: Wenn
mir der Aufbau des Biceps femoris wichtiger ist, als stark in der
Kniebeuge zu sein, dann mach ich den Leg Curl zuerst
- Squat vor Leg Curl: Wenn das
primäre Ziel hingegen ist, maximal stark in der Kniebeuge zu werden, dann
macht es weniger Sinn, zuerst den Leg Curl zum Muskelversagen auszuführen.
Hier heißt es: Kniebeuge zuerst. So bleibt die volle Kraft für die schwere
Grundübung erhalten, und man kann die Hamstrings danach ohne Risiko für
die Kniebeuge-Technik komplett auslasten.
Wer nur wenig Zeit hat und die Kniebeuge als Hauptübung nutzt, sollte die Hamstrings danach isoliert trainieren. Zur gezielten Vorbereitung auf die Kniebeuge ist ein moderater Einsatz vorab okay.
Daneben
sollten Kraftübungen für Adduktoren, Abduktoren und Waden regelmäßig
in das Bein-Workout integriert werden.
Fazit zum
Beinkrafttraining für Frauen: Ergänzen statt Ersetzen
Die
Erkenntnis der Studie bedeutet keinesfalls, dass Frauen keine Kniebeugen mehr
machen sollen. Im Gegenteil: Squats sind essenziell für den Quadrizeps und die
funktionale Kraft.
Aber:
Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Kniebeuge „alles abdeckt“. Als Frau
müssen Sie die Verantwortung für Ihre Beinrückseite aktiv übernehmen. Der Gang
zur Beinbeuger-Maschine ist nicht nur Kosmetik für die Oberschenkelrückseite,
sondern ihre wichtigste Versicherung gegen Knieverletzungen.
Quelle: Electromyography Comparison of Sex Differences During the Back Squat - PubMed

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